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Das „Schickedanz-Syndrom“: Immer mehr Reiche mit materiellen Sorgen

Mittwoch, 26. August 2009

Berlin. In Deutschland ist nur eine sehr kleine Gruppe von etwa einem Prozent der Bevölkerung „sorgenfrei reich“. Diese Menschen verdienen dauerhaft mindestens das Doppelte des nationalen Durchschnitteinkommens, sie haben ein sechs- bis siebenfach höheres Vermögen und sagen selbst, frei von wirtschaftlichen Sorgen zu sein. Die „sorgenfreien Reichen“ sind zumeist ältere Paare, die ohne Kinder im westdeutschen Eigenheim leben – von den Erwerbstätigen unter ihnen arbeiten 53 Prozent als Beamte oder im öffentlichen Dienst. Das ist das Ergebnis einer neuen Studie des Deutschen Institutes für Wirtschaftsforschung (DIW) zum Reichtum in Deutschland. „Insgesamt nimmt der gesellschaftliche Stress in Deutschland zu“, sagte der Autor der DIW-Studie, Olaf Groh-Samberg, heute in Berlin. „Obwohl es mehr Reiche als vor zehn Jahren gibt, sind immer weniger Personen frei von Sorgen um ihre finanzielle Lage.“In Deutschland gilt als reich, wer mehr als das Doppelte des mittleren Nettoeinkommens verdient – 2008 lag dies bei 2600 Euro. Demnach sind rund sieben Prozent der Bevölkerung reich. Vor zehn Jahren waren dies erst fünf Prozent. „Diese Reichtumsschwelle ist aber willkürlich gewählt. Das Einkommen kann zeitweise schwanken und die tatsächliche finanzielle Lage deutlich anders aussehen als das verfügbare Einkommen“, so Olaf Groh-Samberg. In seiner Studie hat der Sozialforscher daher den Reichtum mit den Sorgen über die persönliche wirtschaftliche Lage verknüpft. „Wahrer Reichtum ist mehr als die Summe von Einkommen und Vermögen: Wer wirklich reich ist, sollte auch frei von materiellen Sorgen sein.“ In seiner Studie gilt sein Augenmerk somit den Reichen, die dauerhaft viel verdienen und keinen Stress bei dem Gedanken verspüren, sich und ihre Familie durch die eigene Arbeit am Leben erhalten zu müssen – eben den sorgenfrei Reichen.

Dauerhaft sorgenfrei und dauerhaft einkommensreich: eine sehr kleine Gruppe

Die Studie basiert auf Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP) – einer seit 25 Jahren laufenden Widerholungsbefragung von mehr als 20.000 Menschen. Danach macht die Gruppe der dauerhaft sorgenfreien und einkommensreichen Personen in Deutschland einen kleinen Anteil von etwa einem Prozent aus. „Obwohl die Zahl der Reichen in Deutschland in den letzten zehn Jahren gestiegen ist, hat der Anteil der Personen, die dauerhaft frei von materiellen Sorgen leben, abgenommen“, so der Sozialwissenschaftler. „Der sorgenfreie Reichtum bewegt sich offenbar jenseits der turbulenten Welt unmittelbarer Markteinflüsse und stellt ein sehr seltenes und konjunkturunabhängiges Phänomen dar.“

Das „Schickedanz-Syndrom“: Immer mehr Reiche mit materiellen Sorgen

Der Anteil der Sorgenfreien, die unter der Reichtumsschwelle liegen, geht dagegen deutlich zurück. Selbst Personen, die dauerhaft über der Schwelle liegen, äußern zunehmend materielle Sorgen. „Die Ergebnisse spiegeln die steigende Unsicherheit auf dem Arbeitsmarkt und in jüngerer Zeit auch auf dem Kapitalmarkt sowie gegenüber der sozialstaatlichen Absicherung wider“, sagte Groh-Samberg.  Hinter der Zunahme des Reichtums in Deutschland verbirgt damit eine Zunahme von Reichen, die sich dennoch materielle Sorgen machen. „Die Sorgen der Reichen erzeugen jedoch keinen sozialpolitischen Handlungsbedarf“, so der Soziologe.

Sorgenlos Reiche: Vermögende ältere Paare aus Westdeutschland

Wer lebt im „sorgenlosen Reichtum“? Nach der DIW-Studie sind dies vor allem ältere Personen aus den alten Bundesländern. Meist wohnen sie zu zweit ohne Kinder im Eigenheim, sind hoch gebildet und häufig noch berufstätig. „Dass es sich bei den sorglos Reichen tatsächlich um eine ökonomische Elite handelt, sieht man auch anhand der Analyse des Vermögensbesitzes“, so der Autor der Studie. Nach Angaben des SOEP aus dem Jahr 2002 verfügen die Hochgebildeten der sorgenfrei Reichen über die mit Abstand größten Vermögensreserven. Der Median lag in dieser Gruppe bei fast 400.000 Euro. Selbst unter den 10 Prozent mit den geringsten Vermögen innerhalb dieser Gruppe besitzt der Reichste noch fast 100.000 Euro – deutlich mehr als der gesamtdeutsche Mittelwert von 60.000 Euro.

Vor allem höhere Beamte sind materiell gut gestellt

Von den aktuell Berufstätigen der „sorgenlos Reichen“ sind 53 Prozent beamtet oder sie arbeiten im öffentlichen Dienst – meist in leitenden, hoch qualifizierten Berufen. „Es handelt sich also um eine sozio-ökonomisch hoch privilegierte Gruppe, die sich von den besorgten Reichen vor allem durch ihre bevorzugte berufliche Stellung unterscheidet“, sagte Olaf Groh-Samberg. Zwar würden auch die besorgten Reichen über eine hohe Bildung und großes Eigentum verfügen, unter ihnen seien jedoch nur 6 Prozent Beamte, 26 Prozent im öffentlichen Dienst beschäftigt und es gebe deutlich mehr Selbständige sowie Personen in mittleren Angestelltenberufen. „Dass bei Personen, die nicht beamtet sind, auch unter den Reichen die finanziellen Sorgen zunehmen, spiegelt die allgemeine wirtschaftliche Unsicherheit“, so der Sozialwissenschaftler. Demgegenüber sei die kleine Gruppe der sorglosen Reichen für die Schwankungen der Konjunktur kaum anfällig. „Sie wird aller Voraussicht nach auch die aktuelle Krise im Großen und Ganzen ,unbesorgt‘ überstehen – nicht zuletzt dank der Privilegien, die der Beamtenstatus ihnen verleiht.“

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Kommentare

Ein Beitrag zu “Das „Schickedanz-Syndrom“: Immer mehr Reiche mit materiellen Sorgen”

  1. Wilhelm M.
    Freitag, 02. Oktober 2009 @ 12:09

    Hallo,

    das ist eine interessante Aufstellung, danke. In diesem Zusammenhang Frau Madeleine Schickedanz zu nennen, ist meiner Meinung nach jedoch zweifelhaft.

    Im Fall von Frau S. und Arcandor haben persönliche Voraussetzungen, schon für Laien von außen als vollends nicht nachvollziehbar zu erkennende Entscheidungen und nicht zuletzt Einflussnahme seitens inkompetenter und/ oder nicht wohlwollender Personen zu dieser Schieflage geführt. Die Probleme, die „normale“ Unternehmer haben, sind da in der Ãœberzahl doch weitaus profaner. Jemand, der Verantwortung für Firma und Mitarbeiter übernehmen will, sieht sich heutzutage leicht großen Hindernissen gegenüber, und die Frage nach Einbringung privater Finanzreserven stellt sich mitunter rasch.

    Auch unter Einhaltung sämtlicher Regeln und guten Sitten der Unternehmensführung kann einen dies ereilen. Wer sich in dieser Situation zu seiner Firma und zum Wirtschaftsstandort bekennt, verdient in meinen Augen größten Respekt.

    Freundliche Grüße
    Wilhelm

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