Wirtschaft in Sachsen

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Lebenslagen in Dresden analysiert

Freitag, 21. November 2008

Dresden. Im Auftrag der Landeshauptstadt Dresden wurde unter der wissenschaftlichen Leitung von Prof. Dr. Karl Lenz und Prof. Dr. Winfried Killisch von der TU Dresden die Lebenslagen von Familien in Dresden für den ersten Lebenslagenbericht der Stadt erforscht. In der heutigen Pressekonferenz der Stadt wurden die beiden Teilstudien der Öffentlichkeit vorgestellt.

Die Ergebnisse der Studie im Ãœberblick.

  • Die Befragungsergebnisse belegen auch für Dresden einen starken Trend hin zur Pluralisierung der Familienformen. Nur noch etwas mehr als die Hälfte der Dresdner Familienhaushalte lebt in Form der klassischen Kernfamilie, das heißt das Kind lebt beziehungsweise die Kindern leben mit ihren beiden leiblichen und verheirateten Eltern in einem Haushalt zusammen. In jeder fünften Familie wohnt nur ein alleinerziehendes Elternteil. Häufig sind auch nichteheliche Familien oder die Haushaltsgemeinschaft mit nichtleiblichen Kindern aus einer früheren Zweierbeziehungen des Partners beziehungsweise der Partnerin.
  • Rund 15 Prozent der Dresdner Familien leben unter der Armutsgrenze, das heißt sie haben ein bedarfsgewichtetes Pro-Kopf-Einkommen von weniger als 60 Prozent des Einkommensdurchschnitts.
    Mehr als jeder dritte Dresdner Familienhaushalt ist mit Schulden belastet. Bei der von Armut bedrohten Gruppe sind es sogar mehr als die Hälfte der Familien.
  • Auch in Dresden zeigt sich: Je höher das Einkommen, der soziale Status und der eigene Bildungsgrad der Eltern, desto wahrscheinlicher wird das eigene Kind ein Gymnasium besuchen. Während mehr als jedes zweite Kind aus Familien mit Armutsrisiko die Mittelschule besucht (57 Prozent), sind es bei einkommensstarken Familien nur 12,5 Prozent. Kinder aus einkommensschwachen Familien besuchen zudem deutlich häufiger Förderschulen.
  • Familienhaushalte mit Armutsrisiko müssen durchschnittlich rund 42 Prozent ihres Einkommens für die Warmmiete aufbringen. Das ist doppelt so viel wie in der einkommensreichen Vergleichsgruppe. Bei dieser Vergleichsgruppe liegen die monatlichen Wohnkosten mit mehr als 1.000 Euro rund wiederum doppelt so hoch wie bei von Armut bedrohten Familienhaushalten (526 Euro).
  • Das zentrale Ergebnis der zweiten Teilstudie ist die Pluralität der ALG II-Empfänger. Während in der Öffentlichkeit oftmals ein einheitliches Bild der Lebenslage armer beziehungsweise von Armut bedrohter Menschen gezeichnet wird, existiert dies in Wirklichkeit nicht. Familien mit ALG-II-Bezug unterscheiden sich sowohl darin, wie es zu der Unterstützungsbedürftigkeit („Bezugskarriere“) gekommen ist und wie sie damit umgehen („Bewältigungstrategien“). Bei den Bezugskarrieren kann zwischen beruflichen Absturz als Folge individueller biografischer Brüche, der Neuorientierung in der persönlichen Notsituation (zum Beispiel nach einer Scheidung),  dem Bezug als biografische Normalität und dem Bezug als biografische Ãœberbrückung unterschieden werden. Auch die Bewältigungsstrategien weisen große Unterscheide auf: Sie reichen von einer erlebten Aussichtslosigkeit und massiven Klage über die erlittene Ungerechtigkeit, über ein passives Hinnehmen und umwertendes Entdramatisieren bis zum aktiven Nutzen vorhandener Möglichkeiten  beziehungsweise zu einer Grundhaltung des pragmatisches Ãœberbrückens.
  • Insgesamt bewertet der überwiegende Teil der befragten Personen den Gesundheitszustand sowohl für sich selbst als auch für das Kind als positiv. Der größte Teil der Befragten fühlt sich gesund.  Sichtbar werden aber erhebliche Auswirkungen sozialer Ungleichheit. Werden die Häufigkeiten verschiedener Krankheiten in den einzelnen Einkommensgruppen verglichen, wird deutlich, dass sowohl die befragten Personen in der einkommensarmen Gruppe als auch deren Kinder häufiger krank sind. Ihr  Krankheitsrisiko ist bei einigen Erkrankungen (zum Beispiel chronischer Bronchitis) mehr als doppelt so hoch.
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